Drei Fragen an … Eric Karstens

06.05.2019

Eric Karsten und seine KollegInnen haben 221 JournalistInnen und PressesprecherInnen in Deutschland, Ungarn, Italien, Polen, Rumänien, Slowenien, Spanien, Schweden und Großbritannien interviewt.

Eric Karsten und seine KollegInnen haben als Teil des Horizon 2020 ProjektsRole of European Mobility and its Impacts in Narratives, Debates and EU Reforms (REMINDER)“ JournalistInnen und PressesprecherInnen in Deutschland, Ungarn, Italien, Polen, Rumänien, Slowenien, Spanien, Schweden und Großbritannien interviewt. Die Antworten auf die halbstrukturierten Interviews und Fragebögen sind im AUSSDA Dataverse verfügbar. Wir haben Eric Karstens dazu befragt.

Worum geht es in Ihrer Studie?

Unsere Studie ist Teil eines größeren europäischen Forschungsprojekts zum Thema der Mobilität in der Europäischen Union. Das Projekt untersucht Mobilität und Migration unter wirtschaftlichen, politischen und soziologischen, aber auch medienwissenschaftlichen Kriterien. Wir haben JournalistInnen und institutionelle KommunikatorInnen in neun EU-Mitgliedsstaaten gefragt, wie sie in ihrer täglichen Arbeit mit dem Themenbereich umgehen. Um einen aktuell viel diskutierten Begriff zu benutzen: Wir wollten herausbekommen, welches Framing JournalistInnen und ihre GesprächspartnerInnen in Behörden, Politik und NGOs anwenden. Wohlgemerkt aus ihrer subjektiven Perspektive; mit der tatsächlichen Berichterstattung beschäftigen sich unsere KollegInnen von der Universität Wien. Doch JournalistInnen und PressesprecherInnen arbeiten natürlich nicht im luftleeren Raum. Deswegen haben wir auch einige allgemeinere Fragen zu ihrer Situation gestellt. Wie sind sie mit ihren Arbeitsbedingungen und ihrem Umfeld zufrieden? Wie frei sind sie in der Auswahl dessen, worüber sie berichten wollen? Wer oder was beeinflusst ihre Themen- und Wortwahl? So wurde unsere Migrations-Studie zugleich auch zu einer Art Sozialstudie der verschiedenen Journalismus- und Medienlandschaften.

Was ist aus Ihrer Sicht das Spannende an der Studie?

Wir sprechen meist pauschal von „dem“ Journalismus, aber in Wirklichkeit unterscheiden sich Selbstverständnis und Rahmenbedingungen extrem stark von Land zu Land. Das ist zwar in der Journalismusforschung keineswegs eine neue Erkenntnis, fällt aber in der öffentlichen Wahrnehmung und Diskussion allzu oft unter den Tisch. Es gibt ein bekanntes Zitat des österreichisch-amerikanischen Managementtheoretikers Peter Drucker, „Culture eats strategy for breakfast.“ Das ist hier ganz ähnlich. Pauschal gesagt, prägen die Journalismuskultur, sozialen Normen, Narrative und politischen Tendenzen eines Landes die Berichterstattung über Migration stärker als die tatsächliche Faktenlage oder auch als die persönliche Einstellung der einzelnen ReporterInnen. Das gilt natürlich auch für alle anderen Themen. Ich selbst beschäftige mich häufig mit transnationalem europäischem Journalismus und verstehe jetzt viel besser, warum der oft nicht funktioniert. Aber unsere Studie hat mir auch einige Tipps und Tricks vermittelt, wie man ihn stärken kann.

Warum haben Sie sich dazu entschieden, die Daten zu veröffentlichen?

Unsere Daten sind das Produkt eines aus öffentlichen Mitteln finanzierten Forschungsprojekts; deshalb finden wir, dass sie grundsätzlich auch in die Öffentlichkeit gehören. Noch wichtiger für die Veröffentlichung war jedoch ein anderer Gedanke: Wir selbst haben unsere Daten unter dem Blickwinkel eines ganz bestimmten Erkenntnisinteresses analysiert. Aber wer sagt denn, dass wir alles richtig gemacht haben? Und vielleicht stecken in den Daten sogar Antworten auf noch ganz andere Fragestellungen? Mit anderen Worten: Wir möchten anderen ForscherInnen die Gelegenheit geben, eigene Auswertungen zu machen und dabei eventuell zu anderen oder ganz neuen Schlussfolgerungen zu kommen. Außerdem existieren generell nur wenige Informationen über das Selbstverständnis von JournalistInnen und Kommunikationsfachleuten. Die verfügbaren Daten beziehen sich oft nur auf einzelne Länder und werden – wenn überhaupt – meist in großen zeitlichen Intervallen erhoben. Wir würden uns deshalb freuen, wenn unsere Arbeit zukünftigen Forschungsprojekten als Momentaufnahme der Situation im Jahr 2017 dienen könnte.

  • Eric Karstens berät europäische und internationale Non-Profit-Organisationen und Unternehmen im Bereich Journalismus, Kommunikation und Medien. Er entwickelt Förderanträge und Angebote und ist an der Umsetzung von daraus resultierenden Projekten beteiligt. Für die gemeinnützige Stiftung European Journalism Centre (EJC) in Maastricht (Niederlande) übernimmt er unter anderem die fachliche Koordination von Aktivitäten im EU-Forschungsrahmenprogramm.
Ein Foto von Eric Karstens
Eric Karstens (Foto: Gabriele Sternberg)