Vier Fragen an ... Bernd Schlipphak und Oliver Treib

04.05.2022

Die beiden Politikwissenschaftler Bernd Schlipphak und Oliver Treib von der Universität Münster beschäftigen sich in ihrer Forschung mit der Frage, welche Idealvorstellungen der EU Bürger*innen verschiedener Mitgliedsstaaten haben. In unserem Interview sprechen sie über erste Ergebnisse ihrer Studie – und darüber, warum sie von Open Science überzeugt sind.

Worum geht es in der Studie?

Bernd Schlipphak: Der von uns zur Verfügung gestellte Datensatz ist Teil eines großen Horizon 2020-Projektes, RECONNECT Europe. Im Projekt ging es darum, Wege zu finden, um die Bürger*innen wieder mit der EU zu versöhnen. In unserem Teilprojekt lag der Fokus darauf herauszufinden, welche Idealvorstellung die Bürger*innen von der EU haben. Anders formuliert: Wie müsste die EU aussehen, damit möglichst viele Bürger*innen sie akzeptieren und ihr positiv gegenüberstehen?

Was ist für Sie der spannendste Aspekt der Studie? Gab es überraschende Ergebnisse?

Oliver Treib: Große Teile des Datensatzes konnten wir noch gar nicht auswerten. Bisher lag unser Fokus auf der Frage, ob sich die Vorstellung von einer idealen EU in unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen stark unterscheidet. Und da gibt es tatsächlich gewisse Überraschungen. Viele hätten vermutlich erwartet, dass Reformen der EU durch den Grundkonflikt zwischen euroskeptischen und europhilen Menschen dominiert würde.

Und das ist laut Ihren Daten nicht der Fall?

Bernd Schlipphak: Nein, jedenfalls nicht ausschließlich. Wenn es um den Grad an Transparenz und Partizipation der EU geht, gibt es keine großen Unterschiede unter den Bürger*innen der sechs untersuchten Länder. Viele Menschen aus unterschiedlichsten politischen Lagern unterstützen eine EU, deren Entscheidungsprozesse deutlich transparenter sind als bisher und die deutlich mehr direkte Formen der Beteiligung einzelner Bürger*innen ermöglicht. Differenzen treten allerdings da auf, wo es um die Machtverteilung zwischen der EU und ihren Mitgliedsstaaten – also: um die Autorität oder die Kompetenzen der EU – geht. Hier stehen sich die Ansichten von pro-integrationsorientierten und euroskeptischen Menschen bzw. allgemeiner zwischen stärker kosmopolitischen und stärker am Nationalstaat orientierten Bürger*innen relativ unversöhnlich gegenüber.

Warum haben Sie sich entschieden, die Daten frei zugänglich zu machen?

Oliver Treib: Zum einen ist die Sicherung freien Zugangs zu Projektdaten inzwischen eine Selbstverständlichkeit für Projekte, die durch die EU gefördert werden. Zum anderen sind wir auch ohne EU-Vorgaben vom Prinzip der Open Science überzeugt. Die Freigabe unserer Daten sichert nicht nur, dass unsere Ergebnisse reproduziert werden können, sondern bietet auch vielen anderen Forschenden die Möglichkeit, mit unseren Daten zu arbeiten und so womöglich zu neuartigen Erkenntnissen zu kommen, die wir beim Design der Studie gar nicht im Blick hatten.

  • Bernd Schlipphak ist Professor für Empirische Forschungsmethoden am Institut für Politikwissenschaft der WWU Münster. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der öffentlichen Meinung gegenüber nationaler und internationaler Politik. Seine jüngsten Veröffentlichungen umfassen Publikationen in Review of International Organizations, Global Environmental Politics, Journal of European Public Policy und European Union Politics.
  • Oliver Treib ist Professor für Vergleichende Policy-Forschung und Methoden empirischer Sozialforschung am Institut für Politikwissenschaft der WWU Münster. Seine Forschung dreht sich um die Logik der Politikgestaltung und die Veränderung von politischen Konfliktlinien im europäischen Mehrebenensystem. Seine jüngsten Veröffentlichungen umfassen Artikel im Journal of European Public Policy, in Global Environmental Politics, European Union Politics und Research & Politics.


Bernd Schlipphak (links) und Oliver Treib. Foto: IfPol/Matthias Freise
Bernd Schlipphak (links) und Oliver Treib. Foto: IfPol/Matthias Freise